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MediTECH Electronik GmbH - Warnke-Verfahren: Hören - Sehen - Bewegen

Klicks und Lichtblitze



Neue Therapie für Legastheniker- Auf die Pausen kommt es an

von KLAUS WILHELM

Sie lesen langsam, falsch und abgehackt. Sie schreiben fehlerhaft und unsauber. Etwa jedes siebte Kind an deutschen Grundschulen plagt die Legasthenie, eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Über die Ursachen dieser häufigsten aller Lernstörungen kursieren widersprüchliche Theorien. Jetzt liefern US-Wissenschaftler Grundlagen, die eine der bisherigen Vorstellungen untermauern könnten. Damit verbunden ist die Hoffnung auf neue, effektive Möglichkeiten der Therapie.

Albert Galaburda von der Harvard Medical School in Boston hat in den Hirnen verstorbener Legastheniker Abweichungen in jenen Regionen entdeckt, die rasant aufeinanderfolgende akustische Signale verarbeiten. Entscheidenden Anteil an dieser Leistung hat der "mittlere Nucleus geniculatus". Die Nervenzellen, aus denen dieser Hirnteil aufgebaut ist, sind vor allem in der linken, also der weitgehend für die Sprache zuständigen, Hirnhälfte der Legastheniker kleiner als bei Menschen mit normalen Lese- und Schreibleistungen. Derartige kleinere Nervenzellen aber verarbeiten Schallreize viel langsamer als normalgroße Zellen.

Dieser anatomische Fund stützt Ergebnisse aus Verhaltensanalysen und physiologischen Beobachtungen, berichtet der Kommunikationsberater Fred Warnke aus Bissendorf bei Hannover. Warnke beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der sogenannten Ordnungsschwelle. Hinter diesem Begriff verbirgt sich "die Zeit, die zwischen zwei Sinnesreizen verstreichen muß, damit wir sie getrennt wahrnehmen und in eine zeitliche Reihenfolge bringen können". Gemeint ist also der zeitliche Abstand, die Pause zwischen aufeinanderfolgenden Reizen, die nötig ist, um sie voneinander zu unterscheiden.

Sowohl die auditive - die auf das Hören bezogene - als auch die visuelle Ordnungsschwelle gesunder Erwachsener liegt zwischen 30 und 40 Millisekunden. Laufen aufeinanderfolgende Sinnesreize schneller ein, kann unser Gehirn sie nicht mehr getrennt voneinander verarbeiten. Hier könnte der Schlüssel für die Ursache der Legasthenie liegen. Auffällig ist, daß die Betroffenen besondere Schwierigkeiten mit den Verschlußlauten p, g oder t haben.

Laut Warnke dauert das Sprechen jedes einzelnen dieser Verschlußlaute nur rund 50 Millisekunden. Um so einen "kurzen" Buchstaben beim Hören identifizieren zu können, muß die 'Abtastleistung' im Gehirn aber höher sein, das heißt schneller als 50 Millisekunden. Die Ordnungsschwelle gesunder Erwachsener liegt mit 30 bis 40 Millisekunden deutlich unter dieser Zeit, Verschlußlaute können daher im Normalfall mühelos auseinandergehalten werden.

Wie die US-Neuropsychologin Paula Tallal von der Rutgers University in Newark herausfand, erreichen die Ordnungsschwellen legasthenischer Kinder oft Werte von über 100 Millisekunden. Das bedeutet, die Abtastleistung ihrer Gehirne ist zu langsam, um die Unterschiede zwischen b und p oder t und d beim Hören zu registrieren. Diese Konsonanten gehen daher im Sprachfluß regelrecht unter. Legastheniker verwechseln gerade diese Laute in der Schriftsprache sehr häufig.

Im Vergleich zu den Versuchspersonen vor zehn bis 15 Jahren zeigen heutige Grundschüler allgemein wesentlich langsamere auditive Ordnungsschwellen. Warnke beobachtete das, als er mit einem neuen, selbstentwickelten Gerät mehr als 100 Kinder einer süddeutschen Grundschule "durchmaß". Das patentierte Instrument ähnelt in Größe und Form einem Game-Boy; mit ihm lassen sich die Ordnungsschwellen sehr einfach bestimmen.

Das Kind setzt einen Kopfhörer auf und hört zwei dicht aufeinanderfolgende Klicks im linken und rechten Ohr. Es muß dann per Tastendruck entscheiden, in welchem Ohr es das Klicken zuerst gehört hat. Ist seine Entscheidung viermal richtig, verkürzt sich die Zeit zwischen beiden Klicks. Ist sie falsch, verlängert sich der Abstand zwischen den Hörreizen. Auf diese Weise nähert sich das Kind seiner individuellen Ordungsschwelle.

Nach dem gleichen Verfahren ermittelt Warnke auch die visuelle Ordnungsschwelle. Statt der Klicks müssen nun zwei kurz nacheinander aufleuchtende Lichtblitze auseinandergehalten werden. Die Messungen zeigen, daß bei allen bisher getesteten Schülern die visuellen Ordnungsschwellen durchweg besser sind als die auditiven. Warnke: "Das brachte mich auf die Idee zu versuchen, ob man die langsameren auditiven Werte durch ein geeignetes Training verkürzen könnte, und zwar durch ein Anbinden an die besseren visuellen Leistungen."

Bei diesem Training bekommt das Kind gleichzeitig Klicks und Lichtblitze angeboten. Laut Warnke gleicht sich nach wenigen Wochen die langsamere auditive Ordnungsschwelle der schnelleren visuellen an. Gleichzeitig verbesserten sich die Lese- und Schreibfähigkeit der trainierten Kinder deutlich.

Auch der Düsseldorfer Audiologe Günter Esser beschäftigt sich mit den Wahrnehmungsleistungen der Legastheniker. Ähnlich wie Warnke verbindet Esser bei seinem Verfahren Hörreize mit Sehreizen.


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