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MediTECH Electronik GmbH - Warnke-Verfahren: Hören - Sehen - Bewegen

Wenn das Gehör aus dem Takt kommt



Eine neuartige Therapie gegen Lese- und Schreibschwächen setzt beim Hören an

Quelle: DIE ZEIT - Nr. 9, 19. Februar 1998 (Julia Förster)

Li ko na ti pu de – das ist zuviel für Katharina. Eigentlich sollte sich die Zehnjährige sechs vorgesprochene Silben merken und nachsprechen können. Aber obwohl sie normal begabt ist, schafft sie gerade vier. Das Mädchen geht in die vierte Klasse einer Hamburger Grundschule. Katharina liest stockend, ohne Sinn. In Diktaten ist sie ziemlich schlecht. Das soll sich ändern, deshalb ist sie heute mit ihrer Mutter zu Fred Warnke in die Wedemark bei Hannover gekommen. Im ersten Stock seines Hauses hat er die Gäste in einen schmalen Raum mit langer, heller Couch gebeten; über der Lehne hängen mehrere Kopfhörer.

„Legasthenie" hatte Katharinas Kinderarzt diagnostiziert. Bei Warnke fällt dieses Wort nicht. „Zentrale Hörprobleme" nennt er sein Fachgebiet, obwohl die Kinder, die er prüft, unter Lese- und Schreibschwierigkeiten leiden. Und ob sein Gebiet nun eher zu Phoniatrie, Psychologie oder Hals-Nasen-Ohren-Medizin gehört, das kümmert ihn wenig. Er kommt aus einem ganz anderen Bereich: Lange Jahre arbeitete er bei der Akustikfirma Sennheiser; dort engagierte er sich in der Entwicklung von Medizintechnik für Schwerhörige. Zum Beispiel, vor zwanzig Jahren, die Mikroport-Technik: Mittels drahtloser Tonübertragung konnten damit zum ersten Mal schwerhörige Schüler ihre Lehrer gut hören und Regelschulen besuchen.

Doch auch wenn das Gehör eigentlich tadellos funktioniert, können Kinder unter Hörproblemen leiden, dann nämlich, wenn die Verarbeitung der akustischen Signale gestört ist. Anfang der neunziger Jahre machte Warnke, Vater von vier Kindern, sich mit solchen „zentralen Hörproblemen" ausgiebig vertraut – und schließlich selbständig. Nun verkauft er Geräte, die er, wie Warnke selbst zugibt, „zunächst eher intuitiv entwickelt" hat.

Katharina hat den Platz auf der Couch eingenommen, Warnke gegenüber – genau wie schon etwa 700 Kinder vor ihr. Ihre Mutter sitzt daneben und hält eine Checkliste in den Händen. Darauf soll sie bei all jenen Tests ein Kreuz machen, bei denen Katharina schlecht abschneidet. Ein Kreuz kommt auf jeden Fall neben die Silbenübung, den Test zur Merkfähigkeit, Punkt sechs. Punkt sieben heißt: auditive Ordnungsschwelle. Bei diesem Test senden die Kopfhörer je einen „Klick" schnell hintereinander in das rechte und das linke Ohr. Katharina gibt an, auf welchem Ohr sie den ersten Ton gehört hat. Fred Warnke protokolliert ihre Antworten. „Bis 160 tausendstel Sekunden Abstand ist sie sicher, dann überwiegen die Fehler – altersgerechte Werte liegen bei 40 bis 50 tausendstel Sekunden." Also auch hier ein Kreuz.

Ulrich Hoppe von der HNO-Klinik der Universität des Saarlandes bestärkte kürzlich mit einer Studie die Vermutung, daß eine erhöhte Ordnungsschwelle mit Sprachauffälligkeit einhergeht. Ähnliche Zusammenhänge werden in Amerika untersucht: Die Psychologin Paula Tallal und der Gehirnforscher Michael M. Merzenich glauben, daß Kinder mit Sprachproblemen sehr kurze Laute oft nicht voneinander unterscheiden können. Ein Computerspiel, in dem ein Clown auf dem Bildschirm diese Laute anfangs extrem dehne, um sie dann nach und nach der normalen Sprechgeschwindigkeit anzupassen, habe bei Kindern nach nur einem Monat einen sprachlichen Entwicklungsschub von zwei Jahren ausgelöst. Das berichteten die beiden im Wissenschaftsmagazin Science.

Wir haben wieder unsere Kopfhörer aufgesetzt. Warnkes Stimme schwebt über Hintergrundgeräusche direkt ins Ohr: ewi-efi. „Quatschsilben", je zwei hintereinander, spricht er vor, Katharina soll sie nachsprechen. eti-edi. Die Hälfte wiederholt sie falsch. Wie Kinder Sprache entschlüsseln, wenn sie einzelne Laute nicht trennscharf wahrnehmen, verdeutlicht den Eltern ein Postertext an der Wand. Statt der Buchstaben d und g ist dort ein Ersatzlaut zu sehen. Natürlich ist es kein Problem, den Inhalt trotzdem zu entschlüsseln, sogar recht schnell, aber automatisch geht das schon bei nur zwei nicht trennscharfen Lauten nicht mehr.

Kinder mit solchen Schwächen entwickeln oft aufwendige Ersatzstrategien, um ihr Handicap zu kompensieren. Nicht selten hilft ihnen dabei ihre Intelligenz. Die Diskrepanz zwischen Intelligenz und Sprachentwicklung wird gemeinhin als Legasthenie definiert. Doch was Legasthenie genau ist, darüber herrscht noch immer keine Einigkeit.

In solchen Fällen tippt die Wissenschaft auf multifaktorielle Erklärungen. Evelin Witruk, Psychologin an der Universität Leipzig und einzige deutsche Teilnehmerin am vierten Legasthenie-Weltkongreß, der kürzlich in Griechenland stattfand, sagt dazu: „Es wird angenommen, daß bestimmte Kombinationen der grundlegenden Funktionen gestört sind. Dazu gehören Funktionen, die das Sehen, die Sprachverarbeitung und die Bewegung betreffen." Auch in Leipzig werden Übungen angeboten, die zum Teil den Warnke-Übungen gleichen.

Fred Warnke betrachtet Koordinationsstörungen nicht als Ursache, sondern wie die Lese-Rechtschreib-Schwäche selbst als Symptom einer noch unbekannten neurologischen Fehlentwicklung. Diese Störungen, glaubt er, lassen sich in den meisten Fällen durch Training bessern. Am Ende der Diagnosestunde notiert Katharinas Mutter die empfohlenen Trainingsgeräte. Da ist etwa ein simples Elektriker-Montagerohr, das auf der Hand balanciert wird, um die Auge-Hand-Koordination zu verbessern. Oder der von Warnke entwickelte Brain Boy: Das Gerät verknüpft optische und akustische Reize – Blitze und Klicks –, um zuerst in dieser Verknüpfung die Ordnungsschwelle herunterzusetzen; beim Sehen sind die Kinder meistens besser, in einem späteren Stadium wird nur noch mit akustischen Klicks gearbeitet.

Stolze 1400 Mark kostet das für Katharina zusammengestellte Paket, zu dem auch ein CD-Spieler mit Zusatzgerät gehört. Damit kann sie Geschichten im Wechsel auf dem linken und rechten Ohr hören. Die Erzählerstimme wandert, wenn sie die Geschichte mitliest und ins Mikrophon spricht; die Stimme bewegt sich entgegengesetzt zu der des Erzählers. „Hemisphärentraining" nennt Warnke das, es soll die Hirnareale fürs Sprechen und fürs Lesen besser miteinander verbinden.

Ob’s hilft? Der Förderverein der Grundschule im niedersächsischen Obernkirchen jedenfalls hat vor gut zwei Jahren solche Geräte angeschafft. Schuldirektor Claus-Dieter Gnad ist angetan: „Die Kinder – etwa zehn bis fünfzehn Prozent eines Jahrganges sind sprachauffällig – trainieren zwei Stunden pro Woche. Und sie verbessern sich nicht nur deutlich, die meisten werden auch viel selbstsicherer. Etwa ein Drittel der Kinder kann das Förderprogramm sogar verlassen."

Ein gesicherter Beweis ist das aber noch nicht. Die Medizinische Hochschule Hannover will daher diesen Schuleinsatz wissenschaftlich begleiten. Uwe Tewes, Professor für medizinische Psychologie, hält das Konzept für „intelligent und plausibel".

Warnke hofft auf die wissenschaftliche Segnung seiner Methode. Der Schuldirektor indes sieht’s pragmatisch: „Wir sehen die Erfolge, und das ist das wichtigste."
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