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MediTECH Electronik GmbH - Warnke-Verfahren: Hören - Sehen - Bewegen

"Prismenbrillen im Zwielicht"



Quelle: FAZ Ausgabe vom 8.9. 1999, Nr. 208/ Seite N 1 von M. Lenzen-Schulte

Der Streit zwischen Augenärzten und Augenoptikern, der sich in dem Beitrag "Prismenbrillen im Zwielicht" von M. Lenzen-Schulte zeigt, erscheint mir als Kinder- und Jugendarzt sowie Vater von zwei Kindern, die Prismenbrillen mit gutem Erfolg tragen, sehr unsinnig und fern der Realität. Eltern werden hierdurch noch mehr verunsichert, dabei wäre eine kompetente, fachliche Zusammenarbeit für "unsere" Kinder auf diesem Gebiet längst überfällig. Vor Gerichten läßt sich dieser fachliche Austausch wohl kaum fruchtbar und gewinnbringend für unsere "Patientenkinder" beginnen.

So sieht die Realität aus meiner Erfahrung aus:

Daten aus verschiedenen Schuleingangsuntersuchungen in den letzten Jahren zeigen in einem hohen Prozentsatz (bis zu 15%) auffällige (schulrelevante) Befunde. U.a. sind dies grobmotorische Koordinationsstörungen, fein- /visuomotorische Schwächen, Sprachstörungen und Verhaltensauffälligkeiten. Als wesentlich für einen Teil dieser Auffälligkeiten wird von verschiedenen Autoren u.a. die nicht rechtzeitige Erfassung von Kindern mit Seh- und Hörstörungen angesehen.

In unserer Gemeinschaftspraxis habe ich hauptsächlich mit Kindern zu tun, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen, oder auch unter Lern- und Leistungsstörungen trotz guter Intelligenz, leiden. Ich sehe täglich Kinder mit Problemen und "versteckten", häufig schon lange unerkannten Sehstörungen, die besonders häufig bei Kindern mit Lern- und Leistungsstörungen vorkommen. Diese jungen Patienten fallen schon frühzeitig auf u.a. durch Schwierigkeiten beim Malen, Puzzeln, Basteln, durch Lichtempfindlichkeit, unklare Kopfschmerzen, teilweise unklare Bauchschmerzen, ein "tolpatschiges" Bewegungsmuster, tränende Augen, Augenbrennen, Augenreiben. Letztere Symptome werden auch als sog. asthenopische Beschwerden beschrieben. Mit eine Ursache kann in vielen Fällen eine bisher nicht erkannte Heterophorie (latentes Schielen) oder eine geringgradige Refraktionsanomalie (Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit) sein, die unter "Anstrengungsbedingungen" (s.o.) dekompensieren können. Sehr oft kommt es bei vielen Mißerfolgserlebnissen dieser Kinder dann zu sekundären Verhaltensauffälligkeiten, wie mangelndes Selbstbewußtsein, Aggression, Ängste u.a.m..

"Problem-Kinder" dürfen nicht übersehen werden:

Augenärztliche Untersuchungen werden in den meisten Fällen unter idealen "Ruhebedingungen" (und hier meist auch nur mit dem Schwerpunkt "Kurz- bzw. Weitsichtigkeit") durchgeführt. Wir erhalten demzufolge nach unseren Erfahrungen sehr oft unauffällige Ergebnisse von den Augenärzten bescheinigt, obwohl die Probleme der beschriebenen Kinder dann doch sehr häufig letztendlich auf eine "Augenproblematik" zurückzuführen sind. Ein wesentlicher Punkt wird hier leider häufig schlicht weg übersehen: Etwa 20-30% der Kinder (also eine sehr große Gruppe) leiden trotz guter Intelligenz unter Verarbeitungsschwierigkeiten des Gehirns. Wenn diese Kinder gleichzeitig eine Heterophorie (latentes Schielen) aufweisen, gelingt es ihnen kaum, oder nur durch einen meist schon nicht mehr zumutbaren Energieaufwand, das latente Schielen auszugleichen. Viele medikamentöse Kopfschmerzbehandlungen könnten manchen Kindern erspart bleiben. So können sich bei vielen dieser Kindern im Laufe der Zeit sekundäre Störungen aufbauen (wie bereits beschrieben), die teilweise massiv das soziale Leben und die schulische Lernsituationen des Kindes in nicht mehr zumutbarer Form negativ beeinflussen. Nebenbei gesagt, steigen auch die Kosten durch vielfach unnötige Therapien.

Gerade bei diesen Kindern müssen nach unseren Erfahrungen auch nur minimale "Fehlsichtigkeiten" frühzeitig korrigiert werden. Von den 70% der von denen im Beitrag vom 8.9. gesprochen wird, hätten danach ca. 20% möglicherweise Probleme, die durch entsprechende Untersuchungen erkannt werden könnten (vergleiche die Inzidenz bei Diabetes mellitus, die bei 5% liegt). Dies ist leider vielen (auch vielen Augenärzten) nicht bekannt und führt deswegen häufig zu Fehldiagnosen. Dabei könnten Prismenbrillen besonders für diese Kinder in der Tat manchmal hilfreich sein. Deshalb brauchen wir als Kinder- und Jugendärzte kompetente Ansprechpartner in allen Bereichen, wir brauchen sowohl den in kinderärztlichen Fragestellungen kompetenten Augenarzt als auch den kompetenten Augenoptiker.

Manchmal ist es notwendig über den eigenen Tellerrand hinaus zuschauen:

Der Streit um verschiedene Methoden und Begrifflichkeiten und gegenseitige Vorwürfe aus der Sicht unterschiedlicher Interessengruppen führt die betroffenen Kinder und ihre Eltern nicht weiter. Es darf wohl nicht um Kompetenzstreitigkeiten gehen, es muß um präzise Ursachen orientierte Ergebnisse und um die Befindlichkeit einer großen Zahl von "Problem-Kinder" gehen. Eine wissenschaftliche Vorgehensweise ist diesbezüglich unerläßlich. Dabei muß aber auch jeder bereit sein über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Denn ohne sachorientiertes, präzises Arbeiten, den Austausch und die Toleranz ist kein wissenschaftliches Arbeiten möglich, das doch in erster Linie Ziel orientiert für den Patienten durchgeführt werden sollte.


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